Eine Kolumne ist ein Meinungsbeitrag
und zugleich eine Anregung,
über den Tag hinauszusehen.
Eine Kolumne will ermuntern,
gedanklich immer mal "in Klausur" zu gehen.
Eine Kolumne will ermuntern,
mit wachen Augen durch die Stadt zu gehen.
Eine Kolumne will ermuntern,
den eigenen Studienort und die Menschen kennenzulernen.

 

Beginnen wir mit dem Ausgangsort der Kolumne,- beginnen wir mit der Kartaus in Mainz:

„Dieser Wohnhof wurde in den Jahren 1911 und 1912 aus den Mitteln des Reiches errichtet. Hier stand das im Jahre 1840 erbaute Fort Kartaus, benannt nach dem einst in der Nähe gelegenen Kartäuser Kloster. Nachdem ein kaiserlicher Erlass von Gibraltar aus am 18. März 1904 die Niederlegung der älteren Stadtbefestigung veranlasst hatte, fiel im Jahre 1908 mit der Umwallung auch das Fort Kartaus. Zur Erinnerung an die Geschichte dieses Platzes führt der Wohnhof den Namen Kartaus“ -

steht auf der Rückseite des in diesem Sommer wieder mit einem Altgehäuseüberbau zurück gestalteten Brunnen.

Die um den Platz stehenden unterschiedlichen Doppelhäuser sind der Gestaltungsform des im 17. Jahrhundert ruhmvoll wirkenden Pariser Architekten Mansart nachempfunden: Um aber die bei einer stilgerechten Ausführung eines Mansarddaches, bei dem die Regenrinne direkt an der Hauswand liegt und die Pfosten des steilen Obergeschoßdaches rd. 1.00 m einspringen, auf der Deckelasten, und so die nutzbare Fläche der Räume dem Erdgeschoß gegenüber entsprechend verkleinern, entstehenden Einschränkungen zu vermeiden, ließen die rational und nüchtern denkenden und handelnden Ingenieurbaumeister die Decken über dem Erdgeschoßunterbau im Gegensatz

zu „echten Mansarddächern“ rd. 1,00 m vorspringen und verkleideten diesen Vorsprung mansartgleich mit dem, allerdings vorgerückten, Obergeschosssteildach, sodass die Dachpfosten die Dachlast hierbei direkt auf die Wände abtragen und die Nutzfläche mit der des Erdgeschosses gleichbleibt.

Auch das militärgeschulte Denken der Festungsbaumeisterhinterließ Spuren: statt die Abzweigung und Zufahrt von der Göttelmannstraße aus g e r a d e  in den Wohnhof zuführen, gaben sie dieser einen deutlichen Knick, - eingedenk des Wissens und Erfahrung, dass man dadurch nicht so einfach hineinschießen konnte (und wie bei der Zitadellenzufahrt, auch besser verteidigen) konnte. Heute hält dieser Knick den Lärm der Göttelmannstraße fern.

Wie Erfahrungen und Praxiswissen verloren gehen können ,zeigt sich bedauerlicherweise bei der Jahre 2008 durchgeführten Umrüstung der Straßenlaternen von Gas auf Strom :

„die Alten“ wussten, dass die Laternen auf den Stirnseiten eines zu umfahrenden Platzes,  um nicht hinderlich zu sein - seinerzeit für Pferdefahrzeuge mit Deichsel-, auf der Innenseite der  Krümmungsstrecke, also nicht auf dem schmalen Gehweg, sondern auf dem Inselplatz zu stehen haben.

Die derzeitigen Planer der Stadtwerke ließen nach dem Gebot: „Straßenlaternen stehen auf dem Fußwegrand“ neue Fundamentgruben ausheben und Fundamente schaffen und setzten auch die stirnseitigen Kandelaber auf den Rand des Fußweges, - zur Erschwernis aller einfahrenden und schwenkender Fahrzeuge,-

insbesondere der stadteigenen oder beauftragten Müll- und Versorgungsfahrzeuge.

Das im Brunnentext erwähnte Kartäuser Kloster stand von 1323– 1781 mitten in den Weinbergen am Rhein gegenüber der Mainmündung im Bereich der jetzigen Hotelanlage „Favorite, - es war mit der 1320 vollzogenen Gründung die erste Kartaus auf dem eigentlichen Boden Deutschlands. Dann folgten binnendreier Jahrzehnte weitere Kartausen : Grünau im Spessart, Trier, Koblenz,  Straßburg, Köln, Freiburg, Würzburg und Tückelhausen, - nach der Pest im 14. Jahrhundert begann der Orden sich mit der Gründung der Kartaus in Erfurt im Jahr 1372 in ganz Deutschland auszubreiten.

Nach der großen Blütezeit im 14. und 15.Jahrhundert folgen Vernichtung und Rückzug. Erst  1860 entstand wieder eine– die einzige – Kartaus: Maria Hain bei Düsseldorf.

Im 20. Jahrhundert rückte der Lärm der Großstadt und des Flughafens an diese Oase der Stille heran. Bei Ausbau und Erweiterung des Flughafens Lohaues mussten die Einsiedlermönche ihren Standort aufgeben und weichen, - sie kauften von dem Erlös einen Bauernhof – heute als Gärtnereigenutzt – und Felder im Allgäu und bauten nach den Plänen des Architekten Emil Steffann / Bad Godesberg bei Seibranz 1962-1964 die Marienau, - eine zeitlosmoderne Klosteranlage des Einfachen.

Die vom Prior genehmigte Besichtigung am 1. Mai 1980 und die bei dem Rundgang mit dem Bibliothekar, Pater Hubert M. Blüm, geführten Gespräche, sowie ein kleiner Schriftverkehr, sind feste Erinnerungsbestandteile, - sie stellten eine erinnerungsstarke Verbindung zum alten Erst-Standort in Mainz her.

(Veröffentlichungen: Ordenschrift „Marienau“ ,Anton H. Konrad Verlag , 7912 Weißenborn,

  „Die Kommune der Eremiten“, Sonntagsblatt, Nr.11, 16. März 1980,

  „Komplexität des Einfachen“ Gisberth  Hülsmann,  BAUKULTUR 6/80

  „Projekt zum Neubau der Kartause bei Seibranz“, Rainer L. Neusch 

   „Die Mainzer Kartaus“ , Bossmann / Mainz)

 

Aus der Ordensschrift: „...Man spricht heute viel vom Dialog zwischen religiösen und politischen Gruppen. Echter Dialog ist aber erst möglich, wenn beide Parteien fähig und bereit sind, sich zu sammeln und im Grunde der Seele einer höheren Wahrheit Gehör zu schenken. Fehlt dies, dann ist das Zweigespräch hoffnungs- und aussichtslos. Man darf also ohne Paradox sagen, dass die Hauptsache bei jedem Dialog das Stillschweigen ist, die Bereitschaft der Sprechenden, sich jenseits der Worte zu treffen...“

 

Von der Kartaus aus soll versucht werden, Auseinandersetzungen und Diskussionen anzuregen, Themen aufzunehmen und anzustoßen.

 

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 Das neue Wahrzeichen

   

Dezember 2014 

 

Mainz bekommt schon bald ein neues Wahrzeichen,  

- ein Wahrzeichen an markanter Weitsichtstelle am Rhein

- mitten im dender Stadt vorgelagerten Grün-,Wander- und Radfahrufer-
   streifen,

-  im breitenAbstand vor dem neuen hochpreisigen Hafenwasser-Stadtteil,

- weit ab vomsechsgeschossigen Schutzwall an der Rheinallee vor der Neustadt.

 

„Die Mainzer bekommenden Rhein zurück“, -

nein, lieber Eduard Kreyßig im Grab, wir bekommen keinen Rheinkai 500,

keineSonnenterrassen, keinen Aussichtsturm, kein Ausflugslokal für Kind und Kegel, -

 

es entsteht an diesemherausragenden Platz vorn 4,50 m vor dem Rhein

ein viergeschossigerWohnungs-Container mit den teuersten Wohnungen

der Landeshauptstadt – beklinkert im Industrie Look, mit Signalwirkung

und qualitativenMaßstabsvorgabe für die weitere Gestaltung des Premium-geländes und architektonischenVorstoß der stadtnahen Gesellschaft in die Champions League,

 

es entsteht einweithin sichtbarer Markstein, -

ein Markstein desProjektentwicklers und Geschäftsführer der von der stadtnahen Gesellschaftbeauftragten und mit geführten Grundbesitz-entwicklungsgesellschaft,  

- die Schiffer, deren Gäste, die Mainzer in Kastel und die Wiesbadener grüßend,

 

es entsteht ein Signal und Zeichen der Zukunft, - vom Oberbürgermeister belobt und begleitet, - von der Landesregierung geduldet und übersehen,- Städtebau in Mainz,-

 

ein Wahrzeichen der Stadt.

 

Ohhh, liebes Mainz, - dass ich das noch erleben muss.

 

 

 

Frauen und Studium   

 

                                                                                   Kanis, September 2013

Noch Anfang der 20iger Jahren des vorigen Jahrhunderts war es ungewöhnlich und höchst selten, dass Frauenstudierten und dazu noch ein Studium im Bereich der Ingenieurwissenschaften zu belegen wagten.

Nur wenige verließen – statt „weggeheiratet“ zu werden - die Technischen Hochschulen als „Diplomingenieurin “,nur wenigen davon gelang es im Beruf unter eigenem Namen Respekt und Ansehen zu erlangen.

 

Eine davon war die 1906 in Mainz  geborene Architektin Lucy Hillebrand, deren Leistungen und deren „Haltung. Geist und Richtung“ ( Forum 2.09).

-         1927 wurde sie mit 21 Jahren  als erste „Freie Architektin“

-         als jüngstes Mitglied in den Deutschen Werkbund berufen

durch ihre Heimatstadt Mainz auf Vorschlag der Fachhochschule Mainz und des Deutschen Werkbundes Rheinland-Pfalzherausgestellt und dadurch gewürdigt wurden, dass die Erschließungsstraße des Hochschulgeländes 2009 ihren Namen erhielt.

 

In diesen Tagen erinnert die Journalistin Friedricke Lübke daran, dass vor hundert Jahren  - 1913 - die Techn. Hochschule Darmstadt als erste deutsche Hochschule - erst seit1908 lassen die hessischen Hochschule Frauen zum Studium zu –der Serbin Jovanka Bontschitz am 18. Juli 1913  den akademischen Titel „Fräulein Dipl.-Ing.“ verlieh.

 

In Deutschland hatten Frauen noch kein Wahlrecht.!

 

So war  diese Verleihung ein so herausragendes Ereignis, dass am 3.August 1913 die „Berliner Illustrirte Zeitung“ im Ullstein-Verlag Berlin  veranlasste, darüber zu berichten und ihr Bild zusammen mit sieben Kommilitonen als „glückliche Absolventen“  auf  die Titelseite zu setzen und herauszustellen.

 

Diese vor hundert Jahren zelebrierte Erstverleihung des akademischen Grades „Dipl.-Ing.“ an eine Frau wird die Techn.Universität Darmstadt zum Anlass nehmen, in einer öffentlichen akademischen Feier daran zu erinnern und zu gedenken, - im Herbst 2013 wird auf dem Campus in Darmstadt eine Straße nach dieser 1966 in Belgrad verstorbenen Architektin benannt werden und ihren Namen tragen.

 

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Haltung. Geist . Richtung

 

                                                         Oktober 2013 / Juni 2009

 

Wenn eine Bildungsstätte, eine Hochschule, einen Neubau – einen ersten Bauabschnitt - bezieht und zusammen mit einer großen Aula und einem „Innenhof der Diskussionen“ ein neues, öffentlichkeitsoffenes Denkzentrumschafft, stellt sich die Frage nach

-         Haltung, Geist und Richtung,

-         Ausrichtung und Zukunft.

 Als in Mainz Ende des 20. Jahrhunderts auf den Dächern des im Rohbau stehenden zeitlos modernen Gebäudes des katholischen Bildungszentrums  „Erbacher Hof“ in der Altstadt die ersten Bleiblechscharen aufgebracht wurden, sagte seinerzeit Kardinal Volk in seiner drastischen Sprachweise: „…das sieht ja aus, wie ein Haus mit Stahlhelm...“ und beschwor:

„...hoffentlich wird der Geist im Haus nicht mal so...“.

 

Die Frage nach dem Geist, der einem Gebäude innewohnt und der die Lehrenden und die Studenten beseelt und anspornt, stellt sich auch füreine auf traditionsfesten Fundamenten aufbauende Bildungsstätte im BereichWirtschaft, Bauen und Gestaltung. Für eine Bildungsstätte, die mit einemmodernen Neubau Zeichen setzt und beginnt, die bisher an verstreut liegendenStandorten angesiedelten Studienrichtungen – die Lehrenden und Studenten -zusammenzuführen, stellt sich heute erneut die Frage nach Richtung und Zukunft.

 

Und dies zu einem Zeitpunkt einer weltweiten Bank- undWirtschaftskrise, die aufgrund einer ungezügelten Ausuferung und hemmungslosen Ausschöpfung eines „freien“ Marktsystems entstanden ist, - zum Zeitpunkt der Besinnung und Suche  nach einer neuen globalen,menschlich-sozialen Wirtschaftsstruktur und verbindenden Regeln des Zusammenlebens.

 

So eine Besinnung auf Haltung und Werte fand schon einmal in einer ähnlichen Zeit der „freien Marktentwicklung“ und  Ellbogenmentalität statt:

zu Beginn des vorigen Jahrhunderts - 1905 – fanden sich in dem damals so fernen Amerika vier in der ethischen Grundhaltung gleichgesinnteMänner verschiedener Berufe mit dem Ziel, die öffentlichen und geschäftlichen Sitten ihrer Zeit auf eine gesunde Basis zu stellen, zusammen. Da sie sich wöchentlich reihum trafen, nannten und nennen sie sich „Rotarier“. Ihr Tun undHandeln stellen sie unter die Vierfragenprobe:

-         Ist es wahr ?

-         Ist es fair für alle Beteiligten ?

-         Wird es Freundschaft und Guten Willen fördern ?

-         Wird es dem Wohl aller Beteiligten dienen ?

Fast zeitgleich - 1907 - trafen in Auflehnung gegen Kulturverfall und gegen entfesselter Marktkräfte in München 24 angesehene Künstler, Architekten, Kunsthandwerker, Industrielle, Kaufleute und Schriftsteller, „die das Werk als das Produkt ihrer Arbeit in den Mittelpunkt ihres Denkens und Handelns stellten“, zusammen. Sie gaben ihrem Zusammenschluss den Namen „Deutscher Werkbund“ und formulierten die selbstgestellte Aufgabe in der Satzung: „Der Zweck des Bundes ist die Veredelung der gewerblichen Arbeit im Zusammenwirken von Kunst, Industrie und Handwerk durch Erziehung, Propaganda und geschlossene Stellungnahme zu einschlägigen Fragen“.

 

Der Deutsche Werkbund wurde prägend für handwerkliche und industrielle einfache und klare Formung und Gestaltung, - er wurde Triebfederder Moderne, - ihre Mitglieder zeigten ihre Arbeiten in Ausstellungen, sie schufen 1927 die Weißenhofsiedlung in Stuttgart, sie formten  „klassische“ Möbel und Geräte und bauten sonnen -und lichtdurchflutete Siedlungen in Dresden, Berlin und anderen Städten, - es entstanden das Bauhaus, dessen Gründung vor 90 Jahren in diesem Jahrgefeiert wurde, und andere  Lehranstalten und Einrichtungen.

 

Wenn nun 2009 bei der Neuansiedlung so einer „Werkstatt und Lehranstalt auf freiem Feld“ und bei diesem ethischen Hintergrund auch noch die Chance entsteht, Adresse und Straßennamen in Bezug zu Lehre, Haltung, Geist und Richtung zu setzen, sokann und sollte die damit zu ehrende Fachpersönlichkeit Vorbildcharakter haben und zeitlos Haltungsrichtung vorgeben.

 

Die Fachhochschule Mainz und die Stadt Mainz folgten dem Vorschlag der Künstlerin und  FH-Dozentin Valy Wahl und wählten und ehrten im Einvernehmen mit dem Deutschen Werkbund  hierfür die 1906 in Mainzgeborene „Architektin der Moderne“ Lucy Hillebrand.

 

Der Name Hillebrand verweist auf eine alte MainzerBürgerfamilie aus der Johannes Friedrich Hillebrand 1844 das MainzerSpeditionsunternehmen „J.F.Hillebrand“. gründete. Nachfolgend entstanden zwei Familienlinien:

 

In  der einen Linie wurde dieses Unternehmen durch Sohn Dionys und folgend von dessen Sohn Hans weitergeführt und nach dem 2.Weltkrieg von Jan Hillebrand wieder aufgebaut und von dessen Sohn Christof zu einem heute international und weltweit tätigen Spezialunternehmen im Getränkebereich – mit dem Hauptsitz in Mainz - ausgebaut.

 

Der anderen Linie stand Sohn Hans (1875 – 1932), der Vater von Lucy Hillebrand, die den Namen als ein im Paß eingetragenen Künstlernamen auch nach Eheschließung weiterführte, vor. Vater Hans, der während des 1. Weltkrieges eine Kinderoper schrieb, führte eine tolerantes Haus und Mutter Fides zeigte ein ausgeprägtes literarisches Interesse.

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                                                                                                                  2009

 

Die schon vor dem 1. Weltkrieg der vielgestaltigen Jugendbewegung gegenüber offenen und aufgeschlossenen Eltern entschieden sich,ihre Tochter Lucy auf die gerade erst entstandene „Experimentelle Reformschule Mainz“, die entscheidende Einflüsse auf deren Entwicklung ausübte, zu schicken. (Quellen: „Zeiträume der Architektur“, Dr.Richard Schreiber„Die Mainzer Reformschule ).

 

Ihre große Stunde hatte die Reformbewegung 1922 mit einem trotz der Rheinlandbesetzung zahlreich besuchten internationalen Kongress in Mainz. 

Schon frühzeitig erhielt Lucy für Mainz und Frankfurt ein Theaterabonnement. Sie folgte den neuen Ideen emotionaler Tanzkultur und besuchte Tanzkurse für tänzerische Gymnastik bei Eva Baum in Wiesbaden. Schon bald drückte sie ihre Denk- und Gefühlserlebnisse in Tanzbewegungen in bewusst wahrgenommenem Raum aus. Als 14jährige entwickelte sie eine eigene „Tanzschrift“ und erinnert sich später, dass sie sogar Mathematikaufgaben „getanzt“ habe, um sie besser zu verstehen. Diese raumbezogene Entwicklung beschreibt Klaus Hoffmann in dem 1985 im Fotografie-Verlag Göttingen erschienen Buch „Lucy Hillebrand – Weg zum Raum“, -

2009 veröffentlich daraus die BDA-Zeitschrift „der architekt“ (2.2009) einen Beitrag unter der Überschrift „Lucys Geheimnis . Von der Tanz-Schrift zur Raum-Schrift“.

Das damals noch vage anklingende Empfinden löste den konkreten Berufswunsch nach Innenarchitektur und „Außenarchitektur“ aus.  Zum Studium ging Lucy Hillebrand an dieWerkkunstschule Offenbach und als Meisterschülerin zu dem Kirchenbauer Dominikus Böhm und an die Werkschule in Köln, in der u.A. auch Richard Riemenschneider lehrte. Öffentliche Wettbewerbserfolge während der Ausbildungszeit verbanden sehr früh Theorie und Praxis. Auf der Suche  nach einem eigenständigen Standort  begegnet sie den Künstlern Alexej Jawlenski, Kurt Schwitters, Oskar Schlemmer, Paul Mondrian und Paul Klee, - es kam zu Kontakten und Beziehungen zum Deutschen Werkbund.

 

1927 wird sie als erste „Freie Architektin“ und mit ihren 21 Jahren als jüngstes Mitglied in den Deutschen Werkbund, dessen Geschäftsführer und Vorstandsmitglied von 1918 bis 1933 der spätere erste Bundespräsident der Bundesrepublik Deutschland, Professor Theodor Heuss war, berufen und aufgenommen.

 

Hier fand sie bei Gleichgesinnten aus verschiedenen Berufsgruppen vielschichtige Anregungen und anspornende Impulse.

1932 konnte sie als einzige Frau an dem unter Leitung von Richard Döcker stehenden zweiten Siedlungsprojekt des Deutschen Werkbundesin  Stuttgart am Kochenhof  teilnehmen. Stets setzte sie sich für interdisziplinäre Planungsprozesse und die Zusammenarbeit im Sinne des einer Bauhaus-Gemeinschaft ein, - dies insbesondere auch bei dem schwierigen Wiederaufbau des Deutschen Werkbundes nach dem 2. Weltkrieg und dem Anknüpfen und Erinnern an Tradition und Haltung und dem zeitgerechten Ausrichten werkgerechter Ziele und zukunftsgerechter Planungen.

 

Im Verlauf ihres Werdeganges folgte sie der Anregung und Empfehlung von Kurt Schwitters, den sie 1927 bei einer Arbeitstagung des Deutschen Werkbundes in Hannover kennenlernte, und ging 1928 nach Frankfurt. Hier und in Mainz  sammelte sie als „Freie Architektin“ erste Berufserfahrungen und stand im „neuen Frankfurt“ im engen Kontakt und Verbindung zu der damaligen, von Ernst May geprägten Avantgarde der Architekten und Bildenden Künstler. Mit dem Maler und Kunstpädagogen Otto Leven gründete sie Anfang der 30er Jahre des Ateliers „Bau-Bild“. Sie verkörpert einen Anfang des 20. Jahrhunderts, wie Jean Heartfield es sah,  noch seltenen neuen selbstständigen Frauentyp, der sich in bisher verschlossenen „Männerberufe“ durchsetzte und durch Leistung und Haltung Respekt und Anerkennung fand. 

Selbstbewusst suchte sie in intensiven Gesprächen mit Bauherren und Fachexperten nach menschendienenden, zeitgerechten und zeitlosgültigen „vollkommenen“  Lösungen, -unvollkommene und unausgereifte Lösungen empfand sie schmerzhaft und verstimmt „als wenn jemand einen falschen Ton anschlägt“.

 

In frühzeitigen sozialen Gespür für Themen der Zeit konzipierte sie 1933 eine Einraumwohnung für berufstätige Frauen und fragte gleichzeitig, wo bei den üblichen Familiengrundrissen der Rückzugsraum und Platz für Aktivitäten und der Schreibtisch der Frau des Hauses vorgesehen sei.1934 wurden von den Nationalsozialisten den Arbeiten auf der Basis funktional-differenzierter Architektur die Existenz – und auch ihrer persönlichen Existenz  - die Basis entzogen.

Nach dem durch Bomben verursachten Totalverlust des Ateliers und aller Unterlagen, Zeichnungen und Schriften in Frankfurt und in Hannover verlagerte sich 1945 ihr berufliches Tätigkeitsfeld in Ehe und Zusammenarbeit mit dem Soziologen und Publizisten Erich Gerlach und mit der Psychologin - ihrer in erster Ehe 1937 geborenen, mit dem Archäologen Prof. Rykle Borgers verheirateten Tochter – Angelika Hillebrand-Borgers  nach Göttingen. Es folgten 6 Jahrzehnte eines vielfältigen und erfolgreichen Tun und Schaffens, - Jahre des Realisierens und Umsetzens der Gedanken und Ideen, von der Sommer- und Winter-Kirche in den Dünen, von Wohnhäusern, Schulzentren, Jugendheimen, Kulturzentren, Hotels und Kliniken bis hin zum Kinderdorf und Stadtanlagen. In Ausstellungen, Schriften  und unzähligen Vorträgen und Veröffentlichungen erläuterte sie die Notwendigkeit und „Prinzipien kooperativen Gestaltens“,  „Die gebaute Umwelt als Lernort“ und die Praxis der Architekten auf der Suche nach dem großen Einfachen, - 1963 fand ihr Film im NDR „Raumprobleme im Bauen“ viel Beachtung und Resonanz.

 

Bei aller persönlichen Emanzipation war Lucy Hillebrand keine „Frauenkämpferin“, - die Diskussion und Frage, ob es eine männliche und weibliche Architektur gäbe, beantwortet sie klar und entschieden: „Es gibt eine schlechte und ein gute Architektur. Ich kann nur sagen, es gibt eine menschliche Architektur, es gibt eine verantwortungsbewusste , eine auf die Utopie hin bezogene Architektur und eine Architektur   die zum Ausdruck bringt, dass wir eine dienende Funktion haben ,.. dienen im Sinne, dass ich die Aufgabe über meine Person stelle....  Ehrlichkeithalte ich für eine wesentliche Qualität der Arbeit gegenüber.“

 

1979 nahm Lucy Hillebrand, delegiert durch den BDA, als deutsche Vertretung in Polen an dem Symposium „Bauen für Kinder in Polen“ teil und suchte Kontakt mit polnischen Kollegen,- im gleichen Zeitraum  reiften dieKontakte der Fachhochschule Rheinland - Pfalz für einen Studentenaustausch 1980 und die Partnerschaft mit der Polytechnika  in Lodz.

 

Über das vielseitige Schaffen, den Einsatz und die Werke von Lucy Hillebrand gibt Professor Dieter Boeminghaus 1983 das aufschlußreiche und werkeinführende Lebensberichtsbuch „Zeiträume der Architektin Lucy Hillebrand“  heraus, - 1985 erscheint von Klaus Hoffmann das einfühlsame und wegweisende Buch „ Lucy Hillebrand – Wege zum Raum“.

Beim Studium dieser Berichte und Schriften prägen sich Aussagen, Standpunkte und Stellungnahmen ein: als oberster Platz der Wertskala„ Wahrhaftigkeit, Mut zur Askese, Reduktion als Gestaltungsprinzip, Ablesbarkeit der Funktion“, Verantwortung gegenüber der Bauaufgabe undgegenüber den Nutzern, die dienende Rolle, das Schaffen von steingewordenen Soziogrammen,  „wenn wir in Bezug auf die Wirklichkeit immer wieder wie am Anfang stehen, dann erscheint .. die Behauptung eines einzig, klar zu definierenden Standortes sehr eindimensional zu sein.  Nach  dem „Neuen Frankfurt“ und „Bauhaus“ sah sich der Mensch mit neuen technischen Möglichkeiten und Zwängen konfrontiert. Zwischen der Euphorie für die neuen Perspektiven und der Bedrohung durch eine  übermächtige Technik muss der Mensch weiter Maßstab bleiben.“

 

Opposition und Aversion gegen heimattümelnden Tendenzen einer gefälligen Touristikarchitektur und gegen hierarchisches Denken, für - im weitesten Sinne –Offenheit für demokratische Planungsprozesse. „Architektur und Städtebau können kulturelle und soziale Gegebenheiten für den sein,  der sie wahrnehmen und lesen kann. "Schematische Wiederholungen und Bau-Moden vor schöpferischer Kraft"."In einer Zeit, die auf Geschwindigkeit, Rekorde und Machtstreben zusteuert, ist es schwer zu begreifen, dass das große Einfache, das Überzeugende erst durch einen langen Prozeß kreativer Impulse entdeckt werden kann.“  Der Computer vereinfacht heute für eine Reihe gleichlautender Aufgaben unter gleichen örtlichen Bedingungen den Entwurfsprozess, „aber es erhöht sich auch die Gefahr der  Simplifizierung, fast Vernichtung unseres  Erfindergeistes, eines Stückes zur seltenen Poesie unserer Arbeit. Stadtentwicklung wird zur Organisation von Geschwindigkeit, sie überrollt  nicht nur die Geschichte, sondern auch die Mitmenschlichkeit. Raum umfaßt den Maßstab im Städtebau, - ebenso den des kleinsten Details“

1988 während des Aufbaues einer Werkbundausstellung ihrer Arbeiten in Frankfurt gelingt es dem Journalisten und Schriftsteller Gottfried Borrmann mit dem Schlüsselwort „Mainz“ die sonst sehr zurückhaltende und ihre Person verschließende Lucy Hillebrand zu einem Interview zu bewegen. In der Zeitschrift „MAINZ“ schildert er diese Begegnung unter der Überschrift: „Der bewußt wahrgenommene Raum. Die Mainzer Architektin Lucy Hillebrand und die Reformbewegung“.

1988 und 1989 stellt sich Lucy Hillebrand in der Gesamthochschule Kassel den Studenten  und gab in dem große Resonanz findenden und begeisternde aufgenommenen  Experiment „interdisziplinäre Dialoge“ ihre Erfahrungen an die zwei Generationen jüngere Studenten und Studentinnen weiter und verwies auf Haltung, Geist und Richtung. Dazu und darüber gab 1990 der Kunsthistoriker Christian Grohn die fachübergreifende eindrucksvolle Abhandlung im Buch: „Lucy Hillebrand - Bauen als Impuls und Dialog“ heraus.

1997 stirbt Lucy Hillebrand, -sie hinterlässt richtunggebende Kriterien und Wegweisungen für die Gesellschaft, für das Planen und die Gestaltung der Zukunft:

„ Der Lern-Ort vollzieht sich... im Kopf des Architekten, -das innere Gestalten aus der geschichtlichen Situation des Ortes, übergreifend in unsere Lebensgesetzlichkeit von morgen. Gewiss, wir wollen (und können )schneller zur Sache kommen, Beschleunigung dominiert in allen Bereichen.. indeses fehlt eine neue Sensibilität für ein humaneres Denken und Planen in derEinheit von  Natur, Geist  und mitdenkender Kreativität.“

 

Die Fachhochschule Mainz bekennt sich mit der ehrenden Namensgebung für die den Hochschulbereich erschließenden und öffnenden Straße zu der, den Mensch in den Mittelpunkt stellenden zukunftsgerichteten Einstellung und vorbildlichen Haltung von Lucy Hillebrand und hofft, dass sich von diesem Geist im Haus undbei der Bildungsarbeit viel wiederfindet.

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